Spielerschutz Tätigkeitsbericht 2019
36 G A S T B E I T R A G 37 G A S T B E I T R A G HOHE ZUSTIMMUNGSWERTE FÜR EINEN VERANT- WORTUNGSVOLLEN UMGANG MIT GLÜCKSSPIELEN Risikowahrnehmung, Selbstwirksamkeitserwartung bzw. Verhaltenskontrolle und Einstellungen gelten als zentrale Prädiktoren für ein gesundheitsförderndes Verhalten (Sniehotta & Schwarzer, 2003). Trotz der geringen aktiven Nutzung von Spielerschutzmaßnahmen ergaben sich hohe Zustimmungswerte für das Suchtpotential von Glücks- spielen und die Anwendung von Strategien für den ver- antwortungsvollen Umgang mit dem Glücksspiel. Über 90 % der befragten Spielbankgäste bewerteten die Glücksspielsucht als eine behandlungsbedürftige Sucht- erkrankung. Die Bedeutung finanzieller und zeitlicher Limits beim Glücksspiel bejahten 91,3 % (611/669) der Befragten. Dabei zeigten sich signifikante Geschlechter- unterschiede: So war die Zustimmung bei den Frauen signifikant stärker ausgeprägt als bei den Männern. Problemspieler (Lie-/Bet > 0) und Befragte mit riskanten Glücksspielverhaltensmerkmalen wie Einsätzen von mehr als 500 Euro pro Besuch und einer Besuchsfrequenz von mehrmals wöchentlich bis täglich zeigten signifikant geringere Zustimmungswerte im Hinblick auf die Ein- schätzung der Glücksspielsucht als Erkrankung. Auch die Bedeutung finanzieller und zeitlicher Limits schätzten Befragte mit der höchsten Einsatzkategorie von mehr als 500 Euro pro Besuch signifikant geringer ein als Befragungsteilnehmer aller anderen Einsatzkategorien. KERNAUFGABE DES SPIELERSCHUTZES: PROBLEMSPIELER FRÜHZEITIG ERREICHEN Kernaufgabe des Spielerschutzes in Spielbanken ist die frühzeitige Identifikation und Ansprache von Problem- spielern. Insgesamt wurde in der vorliegenden Analyse ein Problemspieleranteil von rund 29 % (201/696; Lie-/ Bet-Score > 0) ermittelt. Davon bejahten 20,4 % (142/696) ein Item und 8,5 % (59/696) beide Items des Lie-/Bet-Sco- res. Demgegenüber verneinte eine Mehrheit von 71,1 % der Befragten (495/696) beide Items. Problemspieler wur- den zwar signifikant häufiger von Mitarbeitern angespro- chen als Normalspieler (3.1 % vs. 11,7 %) oder füllten ei- nen Selbsttest aus (9,2 % vs. 14,3 %), eine Mehrheit von über 80 % der Problemspieler wurde von den Maßnahmen des selektiven und indizierten Spielerschutzes jedoch nicht erreicht (Tabelle 2). Tabelle 2: Ansprache von Problemspielern und Nutzung eines Selbsttests nach Lie-/Bet Screening nach Lie-/Bet Normalspieler (Lie-/Bet = 0) Problemspieler (Lie-/Bet > 0) Ansprache durch Mitarbeiter eines Glücksspielanbieters Nein Ja (n= 488) 96,9 % 3,1 %*** (n= 197) 88,3 % 11,7 %*** Selbsttest Nein Ja (n= 480) 90,8 % 9,2 %* (n= 196) 85,7 % 14,3 %* Signifikanz Chi²-Test bzw. Chi²-Anteil der Zelle*p<0,05; **p<0,01; ***p<0,001 Männer zeigten signifikant häufiger einen auffälligen Lie-/ Bet Score als Frauen. Der Anteil männlicher Problemspie- ler mit mindestens einem bejahten Item des Lie-/Bet Ques- tionnaire war mit 66,7 % (114/171) nahezu doppelt so hoch wie der Anteil der befragten Frauen (33,3 %; 57/171). Auch innerhalb der Altersgruppen zeigten sich signifikante Un- terschiede. Der größte Anteil mit mindestens einem positiv bejahten Lie-/Bet Item fand sich in der Altersgruppe der über 55-Jährigen (39,50 %; 77/195), gefolgt von der Alters- gruppe der 36 bis 55-Jährigen (33,8 %; 66/195) (Tabelle 3). Signifikante Unterschiede zwischen Normal- und Problem- spielern ergaben sich auch in der Einsatzhöhe. Mit 20,1 % (40/199) war der Anteil der Problemspieler mit Einsätzen von über 500 Euro pro Spielbankbesuch mehr als doppelt so hoch wie in der Gruppe der Normalspieler (8,6 %; 42/490). Auch bei der Besuchshäufigkeit zeigte sich ein signifikanter Unterschied zwischen Normal- und Problem- spielern. So gab ein signifikanter Anteil von 11,1 % (22/198) der Problemspieler eine Besuchshäufigkeit von seltener als einmal im Monat an. Wenn auch nicht signifikant, nann- te die Mehrheit (39,4 %; 78/198) der Problemspieler eine Besuchsfrequenz von mehrmals wöchentlich bis täglich. Tabelle 3: Soziodemografische Merkmale (Geschlecht, Alter, Nationalität, Schulabschluss) und Problemspielverhalten Screening nach Lie-/Bet Normal- spieler (Lie-/Bet = 0) Problem- spieler (Lie-/Bet > 0) Geschlecht* Frauen Männer (n=435) 43,4 % 56,6 % (n=171) 33,3 % 66,7 % Alter* 18-35 36-55 55+ (n=485) 21,2 % 27,6 % 51,1 % (n=195) 26,7 % 33,8 % 39,5 % Nationalität* deutsch andere Nationalität (n=299) 79,6 % 20,4 % (n=135) 68,9 % 31,1 % Schul- abschluss* bis Hauptschule Realschule (Fach-)Abitur (n=427) 23,2 % 27,2 % 49,6 % (n=177) 23,7 % 30,5 % 4,8 % Signifikanz Chi²-Test *p<0,05; **p<0,01; ***p<0,001 2 2-Item Lie-Questionnaire: 1. „Mussten Sie jemals Menschen, die Ihnen wichtig sind oder waren, wegen des Ausmaßes Ihres Spielverhaltens anlügen?“ 2. „Haben Sie jemals das Bedürfnis verspürt, mit immer mehr Geld zu spielen?“ „Problemspieler besser erreichen: Problemspieler in Spielbanken werden zwar häufiger von Mitarbeitern angesprochen als Normalspieler. Eine Mehrheit von über 80 % der Problemspieler wird von Spielerschutzmaßnahmen derzeit nicht erreicht“
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